Unterschätzte Gefahr: Rückkehr des Jodmangels in Deutschland

Problem aus vergangenen Zeiten kehrt zurück

Salz
Jodsalz ist eine gute Möglichkeit, um den täglichen Jodbedarf zu decken. (Getty Images)

Es ist ein Problem aus vergangenen Zeiten, mit dem die deutsche Bevölkerung seit einigen Jahren wieder konfrontiert wird: Jodmangel. Dies ist umso überraschender, als die schon früher mangelhafte Jodversorgung in Deutschland bis Anfang der 2000er Jahre weitgehend behoben war.

Denn in den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatte sich eine Gruppe von Wissenschaftler*innen dafür eingesetzt, Speisesalz mit Jod anzureichern, um dem Jodmangel in Deutschland entgegenzuwirken (zum Vergleich: Um den Jodmangel in der Schweiz zu beheben wurde dort bereits 1922 die Salzjodierung eingeführt). Der "Arbeitskreis Jodmangel", der bis heute besteht, erreichte damals durch Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärungskampagnen unter anderem, dass seit 1989 jodiertes Speisesalz in der Lebensmittelindustrie und in Großküchen verwendet werden konnte. Der Verbrauch von jodiertem Speisesalz stieg deutschlandweit an. Rund 80 Prozent der Privathaushalte verwendeten in den folgenden Jahren jodiertes Speisesalz.

Seitdem hat sich die Versorgungslage jedoch wieder drastisch verändert. Heute sind nach Angaben des Robert-Koch-Instituts 44 Prozent der Kinder und Jugendlichen und 32 Prozent der Erwachsenen unzureichend mit Jod versorgt. Bei ihnen besteht also die Gefahr eines Jodmangels. Doch wenn die Jodversorgung der deutschen Gesellschaft vor 25 Jahren noch ausreichend war, warum ist sie heute wieder rückläufig?

Dafür gibt es mehrere Gründe: Zum einen sind die Böden in Deutschland generell sehr jodarm. Alles, was auf ihnen wächst, enthält daher auch nur wenig Jod. Auch der Trend zu einer natürlicheren Ernährung, die nicht viel Salz enthält, wirkt sich auf die Jodversorgung aus. Wer generell auf eine Ernährung ohne Zusatzstoffe achtet, vermeidet unter Umständen auch den Zusatz "jodiertes Speisesalz". Der Gebrauch von jodiertem Speisesalz im Privaten ist übrigens nicht ausreichend, um die Jodversorgung gänzlich zu decken. Das erklärt der Endokrinologe Joachim Feldkamp in einem Podcast von Deutschlandfunk Kultur: "Es ist notwendig, dass die Lebensmittelindustrie, Bäcker, Fleischereien oder Fertigprodukte jodiertes Speisesalz enthalten."

Das meiste Salz stammt heutzutage aus dem Verzehr von verarbeiteten Lebensmitteln. Genau da liegt laut BZfE ein weiterer wichtiger Grund für die sinkende Jodversorgung. Denn die Lebensmittelindustrie nutzt seit einigen Jahren seltener jodiertes Speisesalz. Eine Studie der Universität Gießen von 2019 ergab, dass im Schnitt nur 28,5 Prozent der Brot- und Backwaren, Milchprodukte sowie Fleisch- und Fleischerzeugnisse mit jodiertem Speisesalz hergestellt wurden. Diese niedrige Quote wird unter anderem auf Handelshemmnisse zurückgeführt, die durch unterschiedliche gesetzliche Regelungen zum Jodgehalt in Lebensmitteln in verschiedenen Ländern entstehen. Darüber hinaus fehlt es den Herstellern oft an Anreizen, ihre Produkte mit Jodzusätzen zu bewerben. Hinzu kommt ein nachlassendes Bewusstsein für die gesundheitlichen Risiken einer Jodunterversorgung. Die Inhalte der Kampagnen der 80er und 90er Jahre sind inzwischen wieder in Vergessenheit geraten. Nicht zuletzt ist Jodsalz schlichtweg teurer als herkömmliches Speisesalz.

Jod ist ein lebenswichtiges Spurenelement, das für die Funktion der Schilddrüse entscheidend ist. Die Schilddrüse produziert Hormone, die den Stoffwechsel regulieren, das Wachstum und die Entwicklung beeinflussen sowie den Energieverbrauch des Körpers steuern. Jod ist ein wesentlicher Bestandteil dieser Hormone, insbesondere von Thyroxin (T4) und Triiodthyronin (T3). Ein ausreichender Jodstatus ist daher entscheidend für eine normale Schilddrüsenfunktion, die Regulierung des Stoffwechsels, das Wachstum und die Entwicklung, insbesondere während der Schwangerschaft und der Kindheit.

Schwangere Frau
Schwangere und stillende Frauen haben einen erhöhten Jodbedarf. Für sie kann es sinnvoll sein, nach Rücksprache mit medizinischem Fachpersonal Jodpräparate einzunehmen. (Bild: Getty Images)

Ist die Schilddrüsenfunktion gestört, kann der ganze Organismus aus dem Gleichgewicht geraten. Die gesundheitlichen Folgen einer unzureichenden Jodversorgung hängen vom Schweregrad der Unterversorgung ab. Neben allgemeinen unspezifischen Symptomen wie Müdigkeit ist die Entwicklung eines Kropfes, also einer Vergrößerung der Schilddrüse, ein deutliches Anzeichen für einen Jodmangel. Ein unzureichender Jodstatus während der Schwangerschaft sowie bei Säuglingen und Kleinkindern kann unter anderem zu körperlichen und neurologischen Entwicklungsstörungen führen, die die kognitive Leistungsfähigkeit beeinträchtigen können.

Um sicherzustellen, dass man ausreichend mit Jod versorgt ist, rät das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) dazu, täglich Milch und Milchprodukte zu konsumieren. Es wird empfohlen, Meeresfisch ein bis zwei Mal pro Woche zu essen. Beim Salzkauf sollten Verbraucher*innen immer zu jodiertem Salz greifen und auch Lebensmittel bevorzugen, die damit hergestellt wurden. Diese Produkte sind auf ihrer Verpackung entsprechend gekennzeichnet.

Gemäß den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) sollten Erwachsene und Jugendliche täglich zwischen 180 und 200 Mikrogramm Jod zu sich nehmen, während Kinder eine Zufuhr von 100 bis 200 Mikrogramm benötigen. Es ist jedoch wichtig, eine Überdosierung zu vermeiden, da eine Aufnahme von mehr als 500 Mikrogramm pro Tag bei empfindlichen Personen zu Schilddrüsenerkrankungen führen kann.

Besonders reich an Jod können getrocknete Algen und Seetangprodukte sein, die oft in der japanischen Küche verwendet werden. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) warnt jedoch davor, dass die Jodkonzentrationen je nach Algenart stark variieren. Bereits geringe Mengen von ein bis zehn Gramm pro Tag können die maximal empfohlene Jodaufnahme von 500 Mikrogramm für Erwachsene überschreiten. Andererseits kann der Jodgehalt auch sehr niedrig sein, sodass der gezielte Verzehr von Algen möglicherweise nicht zur Deckung des Jodbedarfs geeignet ist.

Vegetarier*innen und Veganer*innen haben ein erhöhtes Risiko für eine Jodunterversorgung, da viele jodreiche Lebensmittel tierischen Ursprungs sind und sie diese möglicherweise nicht (ausreichend) konsumieren. Ebenso haben Schwangere und stillende Frauen aufgrund ihres erhöhten Jodbedarfs ein höheres Risiko für eine Unterversorgung. In solchen Fällen kann es sinnvoll sein, nach Rücksprache mit einem Arzt Jodpräparate einzunehmen, um den Bedarf zu decken und gesundheitliche Probleme zu vermeiden.

Eine übermäßige Jodzufuhr kann ebenfalls gesundheitliche Probleme verursachen. Sie kann zu einer Entzündung der Schilddrüse führen, was wiederum zu einer Überproduktion von Schilddrüsenhormonen und schließlich zu einer Überfunktion oder Unterfunktion der Schilddrüse führen kann, bekannt als Hyper- oder Hypothyreose. Dieses Risiko tritt jedoch nur auf, wenn hochdosierte Jod-Nahrungsergänzungsmittel eingenommen werden und nicht durch den Konsum natürlicher Lebensmittel.